Anatomie des Auges: Aufbau und Funktion einfach erklärt
Dr. Konstantin Seiller-Tarbuk
Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie
Inhaltsverzeichnis
Das menschliche Auge verarbeitet rund 10 Millionen Informationen pro Sekunde. Verglichen mit einer Kamera ist es ein erstaunlich kompaktes System: Der Augapfel hat einen Durchmesser von nur 24 Millimetern, enthält aber über 13 spezialisierte Strukturen, die in Millisekunden zusammenarbeiten. Jede dieser Strukturen erfüllt eine eigene Funktion, und jede kann im Krankheitsfall auf eigene Weise versagen.
Dieser Artikel erklärt den Aufbau des Auges Schritt für Schritt: von der äußersten Schutzschicht bis zum Sehnerv, der die Signale ans Gehirn weiterleitet. Zu jeder Struktur erfahren Sie, welche Erkrankung sie betreffen kann.
Kurz zusammengefasst
- Das Auge besteht aus drei Schichten und über 13 anatomischen Strukturen
- Die Hornhaut bricht Licht mit 43 Dioptrien, mehr als die Linse (sehen.de)1
- Die Netzhaut enthält rund 127 Millionen Rezeptoren: 120 Mio. Stäbchen und 7 Mio. Zapfen (dasgehirn.info, Prof. Jan Kremers, 2017)4
- Der Sehnerv bündelt etwa 1 Million Nervenfasern (eyelaser.ch)5
- Fast jede häufige Augenerkrankung lässt sich einer bestimmten anatomischen Struktur zuordnen
Das Auge auf einen Blick
Der Augapfel lässt sich in drei konzentrische Schichten und einen flüssigkeitsgefüllten Binnenraum unterteilen. Diese Gliederung hilft, sich in der Anatomie zu orientieren, bevor man in die Einzelheiten geht.
Die drei Schichten sind: die äußere Schicht (Hornhaut und Lederhaut), die mittlere Schicht, auch Uvea genannt (Aderhaut, Ziliarkörper, Iris), und die innere Schicht (Netzhaut). Im Inneren liegen Linse, Glaskörper sowie die mit Kammerwasser gefüllten Augenkammern.
| Struktur | Funktion (Kurzfassung) |
|---|---|
| Hornhaut (Cornea) | Lichtbrechung, Schutz |
| Lederhaut (Sklera) | Formgebung, Schutz |
| Bindehaut (Konjunktiva) | Befeuchtung, Abwehr |
| Iris | Pupillenweite regulieren |
| Pupille | Lichteinlass |
| Ziliarkörper | Kammerwasserproduktion, Akkommodation |
| Zonulafasern | Aufhängung der Linse |
| Augenlinse | Variable Brechkraft |
| Kammerwasser | Druckregulation, Ernährung |
| Glaskörper | Formerhalt, Lichtleitung |
| Netzhaut (Retina) | Lichtwahrnehmung |
| Aderhaut (Choroidea) | Nährstoffversorgung |
| Sehnerv (Nervus opticus) | Signalübertragung ans Gehirn |
Die äußere Schicht: Hornhaut, Lederhaut und Bindehaut
Die Hornhaut ist die transparente Vorderseite des Auges und bricht einfallendes Licht mit etwa 43 Dioptrien.1 Das ist mehr als die Augenlinse leistet. Ohne intakte Hornhaut ist scharfes Sehen nicht möglich.
Hornhaut (Cornea)
Die Hornhaut ist durchsichtig, weil sie keine Blutgefäße enthält. Ihre Ernährung erfolgt über das Kammerwasser und den Tränenfilm. Sie besteht aus fünf Schichten und ist das am stärksten brechende Element des optischen Systems. Verletzungen oder Trübungen der Hornhaut führen direkt zu Sehverschlechterungen.
Lederhaut (Sklera)
Die Lederhaut ist das sogenannte Weiße des Auges. Sie besteht aus dichtem Bindegewebe, gibt dem Augapfel seine Form und schützt die empfindlichen inneren Strukturen. Mit den sechs äußeren Augenmuskeln verbunden, ermöglicht sie alle Blickbewegungen.
Bindehaut (Konjunktiva)
Die Bindehaut überzieht die Innenseite der Lider und die sichtbare Vorderfläche der Lederhaut. Sie produziert Schleimstoffe, die zum Tränenfilm beitragen, und bildet eine erste Barriere gegen Bakterien und Fremdstoffe. Bindehautentzündungen (Konjunktivitis) zählen zu den häufigsten Augenerkrankungen.

Iris, Pupille und Kammerwasser
Die Iris reguliert den Lichteinfall durch Veränderung der Pupillenweite, ähnlich wie eine Blende in einer Kamera. Der normale Augeninnendruck liegt zwischen 10 und 21 mmHg und hängt vom Gleichgewicht zwischen Kammerwasserproduktion und -abfluss ab.2
Iris und Pupille
Die Iris ist die farbige Ringstruktur um die Pupille. Ihr Farbton entsteht durch den Melaningehalt: Viel Melanin ergibt braune, wenig Melanin blaue oder grüne Augen. Zwei Muskelgruppen steuern die Pupillenweite: Der Schließmuskel verengt, der Erweiterungsmuskel weitet die Pupille. Das Gesichtsfeld des Menschen beträgt horizontal bis zu 214 Grad.2
Kammerwasser und Augendruck
Das Kammerwasser wird vom Ziliarkörper produziert und fließt durch die Pupille in die Vorderkammer. Dort verlässt es das Auge über das Trabekelwerk am Kammerwinkel. Dieses Gleichgewicht hält den Augeninnendruck stabil. Wenn der Abfluss gestört ist, steigt der Augendruck, der wichtigste Risikofaktor für das Glaukom (Grüner Star).
Linse und Akkommodation
Die Augenlinse leistet eine variable Brechkraft zwischen 19 und 33 Dioptrien.3 Diese Flexibilität ermöglicht das scharfe Sehen in verschiedenen Entfernungen, sie lässt aber im Alter nach. Und sie kann sich trüben.
Augenlinse
Die Linse sitzt hinter der Iris und ist über die Zonulafasern am Ziliarkörper aufgehängt. Sie besteht aus transparentem Eiweißgewebe ohne Blutgefäße. Mit dem Alter verliert sie an Elastizität, was die Akkommodationsfähigkeit einschränkt (Alterssichtigkeit, Presbyopie). Trübt die Linse ein, sprechen wir vom Grauen Star, der weltweit häufigsten Ursache für behandelbare Erblindung.
Ziliarmuskel und Zonulafasern
Akkommodation bedeutet: Die Linse verändert ihre Wölbung, um Objekte in unterschiedlicher Entfernung scharf darzustellen. Beim Blick in die Nähe zieht sich der Ziliarmuskel zusammen, die Zonulafasern entspannen sich, und die Linse wölbt sich stärker. Beim Blick in die Ferne kehrt sich der Vorgang um. Dieser Mechanismus funktioniert unbewusst und in Millisekunden.
Netzhaut, Makula und Aderhaut
Die Netzhaut enthält rund 127 Millionen Lichtrezeptoren: etwa 120 Millionen Stäbchen für das Dämmerungssehen und rund 7 Millionen Zapfen für Farbe und Detail, laut Prof. Dr. Jan Kremers (dasgehirn.info, 2017).4 Kein technischer Sensor erreicht diese Dichte.
Netzhaut (Retina)
Die Netzhaut ist eine hauchdünne Nervenschicht an der Innenwand des Augapfels. Stäbchen sind etwa 1.000-mal lichtempfindlicher als Zapfen und ermöglichen das Sehen bei Dämmerung. Zapfen sind auf Farb- und Detailwahrnehmung spezialisiert. Beide Zelltypen wandeln Licht in elektrische Signale um, die über den Sehnerv ans Gehirn weitergeleitet werden.
Makula (gelber Fleck) und Fovea
Die Makula ist das Zentrum der Netzhaut, ein nur wenige Millimeter großes Areal mit der höchsten Zapfendichte. Ihr Mittelpunkt, die Fovea, liefert das schärfste Bild: Lesen, Gesichtererkennen und feine Handarbeiten sind ohne intakte Makula kaum möglich. Schäden an der Makula führen zur Makuladegeneration, der häufigsten Erblindungsursache im Alter in Industrieländern.
Aderhaut (Choroidea)
Die Aderhaut liegt zwischen Netzhaut und Lederhaut. Sie ist das am stärksten durchblutete Gewebe des gesamten Körpers, gemessen an seiner Masse. Ihre Hauptaufgabe: die äußeren Netzhautschichten, darunter die lichtempfindlichen Rezeptoren, mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen. Eine Entzündung der Aderhaut kann die Netzhautfunktion direkt gefährden.
Glaskörper
Der Glaskörper füllt den größten Teil des Augapfels aus: etwa 80 Prozent seines Volumens. Er ist eine gallertartige, transparente Masse aus Wasser, Kollagenfasern und Hyaluronsäure. Seine Aufgaben sind Formerhalt des Augapfels und die Weiterleitung von Licht auf die Netzhaut.
Mit dem Alter kann der Glaskörper schrumpfen und sich verflüssigen. Dabei können sich Trübungen bilden, kleine Faserbündel oder Zellreste, die als störende schwarze Punkte oder Fäden im Gesichtsfeld wahrnehmbar sind. Mehr dazu bei den Glaskörpertrübungen.
Sehnerv und die Verbindung zum Gehirn
Der Sehnerv bündelt etwa 1 Million Nervenfasern, die alle Signale von der Netzhaut aufnehmen und ans Gehirn weiterleiten.5 Er ist kein einfacher Draht, sondern ein Hirnnerv, dessen Zellen sich nach Schäden kaum erholen können.
Papille und blinder Fleck
Die Papille ist die Stelle, an der der Sehnerv den Augapfel verlässt. Dort gibt es keine Lichtrezeptoren. Dieser Bereich ist also blind, das Gehirn füllt die Lücke aber automatisch aus dem Kontext auf. Im Alltag bemerkt man den blinden Fleck nicht. Bei der augenärztlichen Untersuchung ist die Papille gut sichtbar und gibt Hinweise auf den Zustand des Sehnervs.
Sehbahn
Nach dem Sehnerv treffen die Nervenfasern beider Augen im Chiasma opticum aufeinander, einem X-förmigen Kreuzungspunkt an der Hirnbasis. Dort kreuzen die Fasern der nasalen Netzhautanteile zur Gegenseite. Die Informationen gelangen schließlich in den Hinterhauptslappen, wo das eigentliche Sehen stattfindet. Druckschäden am Sehnerv sind das Kennzeichen des Glaukoms, oft ohne Schmerzen wahrnehmbar, bis dauerhafter Schaden entsteht.
Schutzstrukturen: Lider und Tränenapparat
Augenlider und Tränenfilm bilden das erste Schutzsystem des Auges. Der Lidschlag verteilt den Tränenfilm gleichmäßig über die Hornhaut und entfernt Fremdkörper. Der Mensch blinzelt durchschnittlich 15- bis 20-mal pro Minute, meist unbewusst.
Der Tränenfilm besteht aus drei Schichten: einer äußeren Lipidschicht (verhindert Verdunstung), einer wässrigen Mittelschicht (Hauptvolumen, Sauerstoff und Abwehrstoffe) und einer inneren Muzinschicht (haftet auf der Hornhaut). Fehlt eine dieser Schichten, entsteht das trockene Auge. Die Tränendrüse sitzt im äußeren Oberlid, die Tränenwege entwässern in die Nasenhöhle.
Welche Erkrankungen betreffen welche Struktur?
Wer den Aufbau des Auges kennt, versteht auch, warum eine bestimmte Diagnose bestimmte Beschwerden verursacht. Jede Struktur hat ihre eigene Schwachstelle.
| Struktur | Erkrankung | Mehr erfahren |
|---|---|---|
| Augenlinse | Grauer Star (Katarakt) | Grauer Star |
| Augenlinse | Grauer Star-Operation | Behandlung |
| Kammerwinkel / Sehnerv | Glaukom (Grüner Star) | Glaukom |
| Makula | Makuladegeneration (AMD) | Makuladegeneration |
| Netzhaut | Diabetische Retinopathie | Diabetische Retinopathie |
| Aderhaut / Netzhaut | Chorioretinopathia centralis serosa | CCS |
| Glaskörper | Glaskörpertrübungen | Glaskörpertrübungen |
Diese Liste zeigt: Frühzeitige Vorsorge ermöglicht es, Veränderungen zu erkennen, bevor Sehverlust entsteht.
Häufige Fragen zur Anatomie des Auges
Wie ist das Auge aufgebaut?
Das Auge besteht aus drei konzentrischen Schichten: der äußeren Schicht (Hornhaut und Lederhaut), der mittleren Schicht (Aderhaut, Ziliarkörper und Iris) und der inneren Schicht (Netzhaut). Im Inneren liegen Linse, Glaskörper und Kammerwasser. Insgesamt arbeiten über 13 anatomische Strukturen zusammen, um Licht in ein Bild umzuwandeln.
Wie viele Rezeptoren hat das menschliche Auge?
Die Netzhaut enthält rund 127 Millionen Lichtrezeptoren: etwa 120 Millionen Stäbchen für das Dämmerungs- und Bewegungssehen sowie rund 7 Millionen Zapfen für das Farb- und Detailsehen. Diese Zahlen stammen von Prof. Dr. Jan Kremers (dasgehirn.info, 2017).4
Was ist der blinde Fleck im Auge?
Der blinde Fleck entspricht der Papille, der Austrittsstelle des Sehnervs. An dieser Stelle gibt es keine Lichtrezeptoren. Das Gehirn ergänzt die fehlende Information automatisch aus dem Kontext der Umgebung, weshalb der blinde Fleck im Alltag nicht wahrgenommen wird.
Was ist die Makula?
Die Makula, auch gelber Fleck genannt, ist das Zentrum der Netzhaut und enthält die Fovea, die Region mit der höchsten Zapfendichte. Sie ist für Lesen, Gesichtererkennen und Farbenunterscheidung verantwortlich. Schäden an der Makula führen zur Makuladegeneration, der häufigsten Erblindungsursache im Alter.
Das Auge ist komplex, aber verständlich. Jede Struktur hat eine klare Aufgabe, und jede Erkrankung hat ihren anatomischen Ausgangspunkt. Wer das Grundprinzip kennt, kann augenärztliche Befunde besser einordnen und versteht, warum regelmäßige Kontrollen so viel bewirken können. Viele Erkrankungen sind gut behandelbar, wenn sie früh erkannt werden.
Bei Fragen zu einem Befund oder zur Vorsorge steht Dr. Seiller-Tarbuk für ein Gespräch bereit. Termin vereinbaren.
Quellen
1 sehen.de — Das Auge: Aufbau und Funktion. sehen.de
2 Wikipedia — Auge. wikipedia.org
3 Wikipedia — Akkommodation (Auge). wikipedia.org
4 Karberg S., wiss. Betreuung Prof. Dr. Jan Kremers — Von Stäbchen und Zapfen. dasgehirn.info, 2017. dasgehirn.info
5 eyelaser.ch — Nervus opticus: Sehnerv. eyelaser.ch
Über den Autor
Dr. Konstantin Seiller-Tarbuk
Dr. Konstantin Seiller-Tarbuk ist Facharzt für Augenheilkunde in Wien. Er ist Erstautor einer 2025 im Journal of Cataract & Refractive Surgery (JCRS) publizierten Studie und Co-Autor des Springer-Werks Flanging Techniques in Anterior Segment Surgery (2023). 2024 erhielt er den ASCRS Video Award, 2023 den ESCRS Video Award, beide für Innovationen in der Kataraktchirurgie. Seit 2022 ist er Teil des Operationsteams von Augen auf Guatemala (ICEP).
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